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O-Engel

Vokal Engel O1.pngInterpretation des «O»-Engels in der Kreuzigungsszene*

Wenn wir etwas umarmen, nehmen wir es ganz in uns auf und gehen mit unserer Wahrnehmung, unserer Anteilnahme und Wärme in den von den Armen und Händen gebildeten Raum hinein. Der Umarmte spürt das. Es freut ihn, stärkt ihn, tröstet ihn. Wenn Liebe das Erleben von Verbundenheit ist, dann ist «O» der Laut der Liebe. Aber wie gehen wir damit um, wenn uns etwas Schreckliches begegnet, so wie es der Engel im Augenblick der Kreuzigung erlebt? Können wir auch dann noch die Geste des Umarmens machen?

Probiere dazu einmal Folgendes aus: Mache zuerst die Geste einer normalen Umarmung, ein normales «O», und verschränke die Finger etwas, um einen kräftigen Schluss zwischen den Händen zu bekommen. Dann drehe die Handflächen langsam nach aussen, sodass am Ende die Daumen unten sind. Begleite diese Umstülpungsbewegung mit der Phantasie. Spüre, wie du mit dem Umdrehen der Arme das, was vorher innen war, nach aussen bringst, sodass es danach verdünnt wie eine homöopathische Potenz im Umkreis verteilt ist? Und wie du gleichzeitig das, was vorher aussen war, in den Raum zwischen Ihren Armen hereinholst?

Eine solche Umarmung zeigt uns der Engel auf dem Bild. Seine Haltung verrät eine intensive Zuwendung zum Raum zwischen den Armen. Mit der Spannung in der Beugung der Arme und mit den nach aussen weisenden Händen hält er etwas auf Distanz.

Jede Tat – sogar eine unmenschliche – ist von etwas Menschlichem umschwebt. Durch das Umstülpen des «O» holt der Engel diesen Anteil ins Zentrum seiner Wahrnehmung. Indem er diesen bejaht und durchwärmt, stärkt er den positiven Keim, der in allem steckt, und unterstützt ihn dabei, seine schwierigen Anteile in Fluss zu bringen und zu verwandeln.

Das «O» ist dem Jupiter zugeordnet, einer den ganzen Tierkreis umfassenden Kraft. Toleranz und Güte, Wachstum und Fülle, Reife und Weisheit, inneres Licht und innerer Friede sind einige seiner wichtigsten Eigenschaften. Als Organ ist ihm die Leber zugeordnet.

* Bildausschnitt aus Giovanni Donato da Montorfano, Kreuzigung, Santa Maria delle Grazie in Mailand. Erläuterung am Kursanfang.